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Functional Training – Ein sinnloser Hype?

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Heute haben wir mal wieder einen Gastbeitrag bei FVG. Diesmal von keinem Geringeren als Patrick Meinart von Release Fitness. Ich hatte erst am Wochenende wieder das Glück von seinem Wissens- und Erfahrungsschatz profitieren zu dürfen, und zwar im Rahmen seiner Mobility Beginner und Advanced Workshops.

Mobility hat nichts mit klassischem, passiven Stretching zu tun. Viel mehr geht es um die Verbesserung der aktiv nutzbaren Beweglichkeit, der Bewegungsqualität und mit diesen zwei Aspekten verbunden auch der notwendigen Gelenkstabilität. Nur eine auf diese Art erreichte Mobilität erhöht die Lebensqualität, steigert die sportliche Leistungsfähigkeit und senkt das Verletzungsrisiko.

Das erste mal habe ich Patrick vor einem guten Jahr live beim Beginner Workshop erlebt, und die Infos sowie die praktischen Übungen (v.a. einfache aber effektive Mobility Drills) haben, kontinuierlich angewendet, meine eigene Beweglichkeit und Bewegungsqualität auf ein neues Level gebracht. Auch die Menschen, die ich coache, konnten von diesen sehr effizienten Tools profitieren und schnelle Fortschritte machen.

Und egal, wo man nachhakt: Patrick hat immer genau durchdachte Beweggründe hinter seinen Aussagen und praktischen Anweisungen, nennt einem auch die einschlägigen Studien und Autoren.

Wenn er etwas über den Mode-Begriff und boomenden Trend „Functional Training“ erzählt, wird es spannend! Also, bevor du dich zum nächstbesten Functional Kurs mit lauter aufregend aussehenden Trainingsmitteln anmeldest – ohne weitere Worte zum Gastbeitrag:


Was taugt ‚Functional Training‘?

Bevor sich jemand über die Verallgemeinerung aufregt, ebenso könnte man fragen: was taugt Krafttraining? Wir wollen aber mal an dieser Stelle eine kleine Analyse zum aktuellen Stand des „Functional Trainings“ treffen. Dieser Bericht erwartet von sich keine Vollständigkeit und stellt sicherlich nur eine von vielen Meinungen dar. Üblicherweise fokussieren wir uns auf Trainingstipps, doch an dieser Stelle wollen wir zur Abwechslung ein Statement loswerden.

Jeder, der unsere Beiträge regelmäßig liest, weiß, dass wir die Funktion unserer Körpers im Sinne einer Leistungsoptimierung verbessern wollen. Dazu gehört der einfache und prägnante Ansatz: Mobilität vor Stabilität vor Bewegung. Bevor ich mich überhaupt bewegen kann, brauche ich den erforderlichen aktiven Bewegungsumfang (Range of Motion) und die motorische Kontrolle (Stabilität). Dann kann es an die eigentliche Bewegung gehen. Als simples Beispiel: wenn meine Gelenke nicht in der Lage sind das erforderliche Bewegungsausmaß einer Kniebeuge zu leisten und mir die nötige Kraft fehlt mich in einer Kniebeuge zu stabilisieren (wohlgemerkt als „Bodyweight Exercise“), dann sollte ich einen Schritt zurückgehen und Vorübungen einbauen. Man spricht hier von Progression und Regression. Hier sind wir direkt an der funktionellsten Übung schlechthin angelangt: die Kniebeuge – die Königsdisziplin. Obwohl viele Menschen Probleme mit dieser Übung haben, wird versucht mit allen möglichen Mitteln diese noch schwieriger zu machen: MFT-Disc oder andere wackelige Untergründe wie von TOGU oder BOSU, die den Gleichgewichtssinn angeblich mehr fordern. Tatsächlich stellt dies eine Progression dar, die die meisten Trainierenden stark überfordert. Bevor ich also anfange mit irgendwelchen Tools herumzuhantieren, sollte ich in der Lage sein meinen eigenen Körper vernünftig zu kontrollieren. Dafür ist eine gute Körperwahrnehmung entscheidend. Hier gilt bei uns das System: Reizaufnahme – Reizverarbeitung – Motorische Antwort (Im Übrigen die Funktion eines jeden Zentralnervensystems). Ohne vernünftige Reizaufnahme (z.B. Propriozeption der Fußsohle) kann keine optimale motorische Antwort erfolgen (Kniebeuge).

Title photo courtesy of U.S. Army Europe Photos (Creative Commons License)
Title photo courtesy of U.S. Army Europe Photos (Creative Commons License)

 

Wenn ich nun eine gewissen Körperkontrolle bzw. -wahrnehmung habe, was wäre dann der nächste Schritt? Ganz eindeutig der Aufbau von Kraft. Das gute daran: man braucht nur eine gewisse Anzahl von Gewichten und kein überteuertes Spielzeug. In der Regel tun es simple Kurzhanteln, eine Langhantel und Kettlebells. Mit diesen drei „Tools“ lässt sich genau das umsetzen, was im Bereich des Functional Trainings propagiert wird: dreidimensionale Übungen, die den Körper als Einheit fordern. Mit genau den vorher genannten Geräten lässt sich das bewerkstelligen: Training in allen Ebenen, ob linear, lateral oder in der Rotation.

Um das klarzustellen: wir haben nichts gegen den Einsatz von verschiedenen Hilfsmitteln. Jedoch werden häufig Trainierende immer wieder überfordert, die keinerlei Kraftbasis aufweisen können. Der Grund für diverse Dysfunktionen liegt häufig an einer mangelhaften Kraftleistung oder einfach nur an Bewegungsarmut. Können Athleten ebenso Dysfunktionen, muskuläres Ungleichgewicht oder sonstige körperliche Einschränkungen aufweisen? Aber natürlich. Wie beheben wir von RELEASE FITNESS diese Probleme? In der Regel mit drei Tools: der Langhantel, der Kurzhantel und der Kettlebell. Zugegeben, manchmal involvieren wir noch einige Flossingbands, Triggerbälle und Klimmzugstangen. Aber viel mehr ist bei uns nicht im Einsatz. Dennoch optimieren wir dadurch die „Funktion“ unserer Athleten.

Jedes Tool im Universum „Functional Training“ mag seine Sinnhaftigkeit haben. Wenn die Basis aber nicht stimmt, dann helfen die schicksten Geräte nichts. Es bringt z.B. nichts eine Hausfrau durch eine Agility Ladder durchzuscheuchen, wenn ihr Traininigsziel nicht die Förderung einer speziellen sportartspezifischen Athletik ist. An dieser Stelle kommen wir zum finalen Punkt: das zielspezifische Training. Welchen Grund könnte es geben, dass sich Trainierende gegen klassisches Krafttraining und für Functional Training entscheiden? Uns fällt leider kein Grund ein (Spaß zählt hier nicht!). Das Functional Training eignet sich an bestimmten Stellen wunderbar als Ergänzung oder als Assistenzübung, um zielgerichtet an Bewegungs- oder Kraftdefiziten zu arbeiten. Dabei gilt dann der Leitsatz „Isolation before Integration“. Doch wir sehen in erste Linie alle Verbundübungen an erster Stelle: die Kniebeuge, das Kreuzheben, Überkopfdrücken, Bankdrücken und den Klimmzug. Alles andere ist Assistenz oder dient der Optimierung dieser Bewegungsmuster. Bitte an dieser Stelle nicht den ersten Teil des Beitrages vergessen. Bei den genannten Verbundübungen geht es um den Aufbau von Kraft. Wenn wir uns an den Beginn erinnern, steht die freie Bewegung an erster Stelle, also die Körperkontrolle. Dazu zählen Bewegungen wie Krabbeln, Hocken, Klettern, Rollen und Ähnliches. Erst durch dieses Zusammenspiel zwischen Körpergewichtsübungen, Kraft und Schmerzfreiheit entsteht ein funktionierender Körper, der weit über den durchschnittlichen fitten Bürger hinausgeht. Wenn dann noch Platz und Bedarf an Functional Training-Geräten besteht, dann nur her damit.

– Patrick Meinart, Release Fitness (Facebook, Website)


Title photo courtesy of U.S. Army Europe Photos (Creative Commons License)