Motivation

Wenn du Angst hast, etwas falsch zu machen…

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… dann, ja DANN machst du etwas falsch.

Title photo courtesy of Pascal (Creative Commons License)
Title photo courtesy of Pascal (Creative Commons License)

 

Boah. Geht ja gut los hier heute. Wie kommt man denn zu so einer frechen und nicht näher eingeschränkten Aussage?

Und du hast völlig Recht. Ein bisschen einschränken sollte man das schon. Denn ich weiß zwar nicht genau, was du beruflich machst, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du völlig zu Recht Angst hast, etwas falsch zu machen, wenn du jetzt so aus dem Stehgreif versuchen würdest… eine Atombombe zu bauen. Oder wenn du noch nie Auto gefahren bist, und keinen Plan hast, wofür diese ganzen Knöpfe und Hebel und Pedale überhaupt gut sind. Dir dann deiner Unfähigkeit bewusst zu sein und einen Experten um Rat zu fragen, ist sicher eine gute Sache. Naja, im Falle der Atombombe kommen dich vermutlich ein paar Männer in Anzügen besuchen, die sich mal mit dir unterhalten wollen. Aber hey, nicht mein Business 😉

Entscheidend ist die Einstellung, nichts falsch machen zu wollen. In einem Wort nennt man das:

PERFEKTIONISMUS

Jetzt kommst du reflexhaft mit deinen vielen Jahren hochwertiger deutscher Schulbildung und feuerst mir als verbalen Faustschlag ins Gesicht: „Naja, aber an Perfektionismus ist ja nun wirklich nichts schlechtes!!!“

Ist das so?

Fangen wir doch mal von vorne an.

Eine einfache Wörterbuch-Definition von Perfektion verrät uns, dass es sich dabei um die Vollendung (in der Ausübung, Ausführung von etwas) handelt. Vollendung bedeutet, dass man es nicht besser machen könnte. Das ist schonmal eine hohe Messlatte.

Eine Suche nach den wortgeschichtlichen Wurzeln (sehr zu empfehlen: Der Online Etymology Dictionary) zeigt weiterhin, dass Perfektionist zunächst im 17. Jahrhundert ein theologischer Begriff war, es sich um jemanden handelte, der glaubte, dass „moralische Perfektion während der Existenz auf der Erde erreichbar“ wäre.

Unser heute gewohnter Wortsinn, dass ein Perfektionist jemand ist, der nur mit den höchsten Standards zufrieden ist, ist tatsächlich eine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Das ist geschichtlich nicht besonders alt. Und ohne, dass ich hier einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang behaupten möchte, steht die Industrialisierung mit der veränderten Arbeitswelt zumindest im engen zeitlichen Zusammenhang zu diesem neuen Wortsinn.

Nach Wikipedia gehört zum Perfektionismus im psychologischen Sinne nicht nur das bereits genannte Streben nach Vollendung. Die zweite Dimension ist die:

Übertriebene Fehlervermeidung (perfektionistische Besorgnis): umfasst u. a. die Eigenschaften Leistungszweifel und Fehlersensibilität […]

Ein reines Perfektionsstreben sei demnach zunächst unproblematisch. Bei hoher Ausprägung der zweiten Dimension jedoch – der Besorgnis, der ANGST vor Fehlern – handele es sich dann jedoch um ein „ungesundes oder dysfunktionales“ Streben, das wir dann Perfektionismus nennen.

Perfektionismus macht gestresst und krank

Mit Stress haben wir uns hier bei FvG schon öfters befasst, und der take-away sollte auf jeden Fall sein, dass zu viel Stress nicht gut ist. Easy.

Raphael Bonelli, ein Psychiater und Neurowissenschaftler an der Sigmund-Freud-Universität in Wien, hat es wie folgt formuliert:

Der Perfektionist macht sich innerlich selber einen unheimlichen Stress und dieser macht ihn psychisch krank. Studien belegen, dass Perfektionismus viel zu tun hat mit Burnout, Essstörungen, dem chronischen Erschöpfungssyndrom, mit Zwangsstörungen, mit Depressionen und mit Suizid.

Vielleicht gar nicht so geil, dieser Perfektionismus?

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Wie im Gym…

Ich verrate dir jetzt was. Als ich mit diesem Post anfing, wollte ich eigentlich einen kleinen Rant schreiben. Die Perfektionismus-Falle (die übertriebene Angst vor Fehlern) hat nämlich leider viele Menschen so stark im Griff, dass sie sich gefühlt gar nichts mehr trauen! Die Folge sind Menschen, die jeden Kleinscheiß überanalysieren, und am liebsten für einfache Bewegungen wie eine Liegestütze oder einen Bizepscurl (eine Bewegung über EIN Gelenk!!) einen 4-stündigen Technikworkshop hätten, um auch ja nichts falsch zu machen!

Und das geht mir ziemlich hart auf den Sack. NICHT, weil ich als Trainer mich permanent mit der Beantwortung solcher Fragen herumschlagen darf. Sondern weil mir derart verunsicherte Menschen einfach leid tun!

Die Welt ist ein Spielplatz, dein Körper wurde für Bewegung gemacht. Als kleines Kind bist du einfach erstmal losgestiefelt, und siehe da, irgendwann konntest du laufen. Was du gemacht hast, ist… es einfach zu machen! Dabei hast du dich sicher x-mal auf die Fr***e gelegt, denn das passiert den besten von uns, aber du bist aufgestanden, hast (ob bewusst oder unterbewusst) aus deinen Fehlern gelernt und es dann besser gemacht. So läuft das (bzw. du)! Du hast kein Buch gelesen und du brauchtest auch keinen zertifizierten Trainer mit Bullshit-Lizenz. Und als das mit dem gehen gut ging, bist du losgerannt. Und gesprungen. Und auf Bäume geklettert.

An welchem Punkt hat verdammt nochmal die Gesellschaft das völlig normale und natürliche Benutzen des eigenen Verstandes und das Learning by doing, das trial and error so aus unseren Köpfen rausgeprügelt? Gestandene erwachsene Menschen in der Blüte ihres Lebens stehen im Fitnessstudio und haben Angst vor allem, was nicht das Ergometerfahrrad ist. Weil man ja was falsch machen kann!? WTF?

…so im Leben!

Und wenn so eine, mit Verlaub, pathologische Denkweise erstmal Wurzeln in deinem Hirn geschlagen hat, dann ist die Angst vor Fehlern auch wirklich permanent mit an Bord. Wenn du mir das nicht glaubst, dann achte einfach das nächste mal, wenn du mit anderen Leuten zusammen in einer neuen Situation bist darauf, wie viele Menschen reflexhaft sagen „Das kann ich nicht!“. Wie aus der Pistole geschossen. Sie haben es nichtmal probiert. Sie haben nichtmal drüber nachgedach es zu probieren. Sie nehmen an, dass sie es nicht fehlerfrei können werden. Die Schlussfolgerung ist: „Kann ich nicht, mag ich nicht, will ich nicht.“

Ein Mensch ist die Summe seiner Verhaltensmuster (das wusste schon Aristoteles). Wenn wir also erstmal anfangen, Angstverhalten (hier: Angst vor Fehlern) zu leben, verschließen wir mit zunehmender Häufigkeit die Tür vor dem Leben selber! Denn das Leben ist ein fließender Prozess, ist Wandel, ist Neues. Ist Herausforderung, vielfaches Scheitern und hin und wieder ein Erfolg. Mit der Angst vor Fehlern sagst du „Ich würde gerne, aber ich trau mich nichtmal, es zu versuchen!“.

Wie viele Träume – egal ob klein ob groß, ob beruflich oder privat – bist du noch nicht angegangen, weil du Angst vor einem weniger als perfekten Ergebnis hast? Brauchst du mir nicht zu verraten, aber denk vielleicht mal für dich selber ehrlich drüber nach.

Photo courtesy of Karl-Ludwig Poggemann (Creative Commons License)
Photo courtesy of Karl-Ludwig Poggemann (Creative Commons License)

Wege aus der Perfektionismusfalle

Das wichtigste ist, dass du als Perfektionist nicht perfektionistisch versuchst, den Perfektionismus hinter dir zu lassen. Perfektionisten denken nämlich gerne schwarz-weiß. „Wenn ich was mache, dann mach ich es 100%, oder ich lass es!“ Ganz oder gar nicht. Schwarz oder weiß.

Das Leben ist allerdings meistens grau.

Die Alternativen zum Perfektionismus sind nicht Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit. Es geht nur darum, dass du auch mal Dinge zwischen den beiden Extremen zulässt. Und, dass du dich selber bewusst und gezielt entscheidest, wann du 100% für etwas geben willst, und wann vielleicht auch 80% oder 90% völlig okay sind. Du bist der Chef. Nicht die Angst vor Fehlern.

Ein bisschen Ruhe und Zeit zum nachdenken, vielleicht mit einem leeren Blatt Papier und einem Stift, wirken schon oft Wunder. Frage dich mal:

  1. Bei welchen Tätigkeiten hat dich dein Perfektionismus fest im Griff?
  2. Gibt es Dinge, die du komplett sein lässt, letztlich, weil du es (noch) nicht „perfekt“ kannst?
  3. Welche Vorteile aber auch welche NACHTEILE erlebst du durch deinen Perfektionismus? Was überwiegt?
  4. Warum musst du immer perfekt sein? Was würde passieren, wenn du es einmal nicht wärst? Warum sind die möglichen Fehler so schlimm?
  5. Finde Tätigkeiten, im beruflichen wie im privaten, bei denen es auch völlig okay ist, kein perfektes Ergebnis zu liefern.

Mike Boyle, sicher einer der fünf Prozent der erfolgreichsten Trainer im Geschäft derzeit, rät dazu, nie 100% sondern immer „nur“ 90% zu geben. Seine Logik? Wenn man sehr ehrgeizig ist und immer 100% geben will, bekommt man selten etwas erledigt. Die letzten 10% hemmen eher als zu beflügeln. Natürlich will man sehr gute Arbeit machen – aber perfekte Arbeit ist nunmal nicht machbar.

Darauf erstmal ein paar neunzigprozentig technisch hervorragende Liegestütze! 😉

Bleib gesund

Ruppert

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Title photo courtesy of Pascal (Creative Commons License)